interviews
A selection of interviews with Stephane Leonard.
Interview über DIY (2008)
(das Interview hat Lisa von der Band I might be Wrong für ein Buch über DIY (Do It Yourself) gemacht – dies ist die ungeschnittene Version)
Wer bist du,wo lebst du,wie alt bist du?
Stephane Leonard, bin Künstler, Musiker, Komponist und Labelbetreiber – wohne in Berlin und bin 29 Jahre alt.
Was betreibst du im Speziellen? (Label,fanzine etc. ) ?
naivsuper – ist ein Label für experimentelle Musik, ein Filmkollektiv und eine Plattform für Kunst und Künstler – vielleicht ein bisschen so etwas wie eine klassische Künstlergruppe.
Seit wann machst du das?
Das Meiste machen wir zu zweit. Claudio Pfeifer und ich. Gegründet haben wir naivsuper 2003 – die Idee entstand schon 2002 – anfangs war auch noch Martin mit dabei, dem war das aber irgendwann alles zu DIY.
Warum und Wozu?
Ursprünglich um Claudio und meiner künstlerischen Arbeit eine Art Klammer zu verpassen. Wir wollten unsere gemeinsamen Ideen kanalisieren und unter einem Namen zusammenfassen.
Angefangen hat das mit merkwürdiger Musik, dann haben wir uns Verpackungen und im weitesten Sinne Grafiken dazu ausgedacht. Haben viel Zeit in der Siebdruckwerkstatt zugebracht, um Poster, Flyer, CD Cover, T-Shirts usw. zu drucken. Das Ganze hat sich dann von einem Hobby in eine Lebenseinstellung verwandelt, so dass wir heute so ziemlich alles unter dem Synonym naivsuper machen – Musik, Filme, Bücher (sind gerade in Arbeit), Veranstaltungen, Kunst und Grafik. naivsuper ist jetzt mehr so etwas wie ein Band oder Rettungsseil zwischen uns, uns und der Welt, uns und anderen Künstlern. Die Arbeit ist aufgeteilt und jeder verlässt sich irgendwie auf den Anderen.
Wer hilft dir?
In erster Linie natürlich Claudio, aber auch Martin und sinnbus records sind immer noch eine große Hilfe. Unsere Eltern, unsere Freunde und die Künstler mit denen wir kollaborieren.
Was spielen Netzwerke für eine Rolle für deine Arbeit?
Leute kennen ist für mich als Künstler essentiell. Kontakte bringen mich in Ausstellungen und verhelfen mir zu Konzerten. Mit naivsuper kann ich da was zurück geben. Wir haben einen Veranstaltungsort (Electronic Church), wir haben Kontakte und wir haben mittlerweile auch einiges an Erfahrung gesammelt, was wir gerne teilen. Die gesamte Kunst- und Musikwelt muss auf dem Wunsch basieren Geben zu können, sonst kommt es zu kulturellem Stillstand. Geben auch ohne etwas dafür zu erwarten – sich unterstützen wollen und diesen über alles schwebenden Wille die Welt ein klein wenig besser zu machen, ist Lebensnotwendig für meine Arbeit.
D. I. Y heisst immer auch Improvisation,oder?
Am Anfang improvisiert man, dann weiß man irgendwann wie es geht. Natürlich kommen jeden Tag neue Herausforderungen, sodass man auch immer wieder improvisieren muss. DIY ist in erster Linie ohne Geld zu überleben und stattdessen einer für Aussenstehende völlig absurden Überzeugung alles zu geben. DIY heisst auch die Dinge selbst in die Hand zu nehmen wenn niemand da ist der einem helfen kann. DIY bedeutet auch irgendwo immer der Erste zu sein – das erste Tapelabel in Kleinunterstedt, das erste Musikfestival auf Topatolala Island…
Was bedeutet dir D. I. Y?
DIY bedeutet für mich Grenzen zu verschieben, Dinge passieren zu lassen, etwas zu erschaffen und nicht darauf zu warten bis es neben mir entsteht. DIY wird ja oft mit minderwertiger Qualität in Verbindung gebracht – für mich ist das allerdings so, dass ich glaube, dass es für viele aus DIY geborenen Dinge noch überhaupt gar keinen Qualitätsmaßstab gibt.
DIY schafft also neue Qualitäten.
Ist das eine Lebenseinstellung oder gehört es nur so zum Leben?
Das ist eine Lebenseinstellung und gehört in zu meinem Leben. Wie das für Andere ist vermag ich nicht zu sagen.
Wo hört D. I. Y dür dich auf?
In der Kommerzialisierung liegt definitiv ein Endpunkt. Es gibt einen Unterschied zwischen das Rad am laufen halten und reiner Profitgier. Wir müssen alle irgendwie sehen wie wir über die Runden kommen, aber das darf nie auf Kosten der Visionen gehen. Wenn man nicht mehr gewillt ist Risiken einzugehen oder all sein Hab und Gut in ein Musikrelease zu stecken oder sich für ein Film auf Lebenszeit zu verschulden dann hat man DIY verlassen. Ansonsten kann DIY von jedem für jeden sein. Der Bäcker der noch selber bäckt, die Kosmetikdame die Ihr Wohnzimmer in eine Nagelstudio verwandelt hat, der Künstler der Erfolg gegen das Experiment eintauscht, der Busfahrer der selber seine Route optimiert… all das ist DIY.
Hat D. I. Y viel mit deiner musikalischen Sozialisation
zu tun?In welcher Subkultur hälst du dich auf?
Ich bin nicht sicher was einen zu dem macht was man ist… Ich glaube das Eltern, aber auch ein Freundeskreis oder Brüder, vielleicht auch ein Buch oder eine bestimmte Musik einem helfen das selbstständige Denken zu erlernen. Bei mir war das eine Kombination aus vielen Faktoren. Meine Eltern haben mich immer unterstützt und mit 15 hatte ich meine erste Band zusammen mit 2 Typen die 10 Jahre älter waren als ich und mir eine ganze neue musikalische Welt zeigen konnten. Später war ich Austauschschüler in den USA und musste mich mit Schulenglisch und Kulturschock irgendwie durchschlagen… ich denke dort wurde auch der Wunsch gefestigt Kunst machen zu wollen, um die “zu verstehen, was die Welt im inneren zusammenhält”, naja und Kunst machen hatte für mich immer schon irgendwie mit DIY zu tun. (Später sollte ich dann lernen, dass es unter 100 Kunststudenten gerade mal 4 gibt die das ähnlich sehen – was nicht heißen soll, dass ich die Zeit bereut habe – ganz im Gegenteil, 2 von diesen 4 Menschen gehören noch immer zu meinen aller engsten Vertrauten und Freunden und mit einem mache ich ja auch naivsuper.)
Ich bin in keiner Subkultur wirklich zu Hause. Ich springe zwischen den Szenen, um überall etwas zu erfahren, zu lernen oder irgendwie mit zu nehmen. Ist man erstmal in einer Subkultur gefangen, ist es schwer eine Perspektive zu entwickeln und neue Ideen zu entwickeln. Mein idealer Tag sähe eventuell folgender Massen aus: Morgens frischer Pfefferminztee und Ei im Glas, dann eine Philosophievorlesung gefolgt von einem Ärztekongress mit Gratishäppchen, dann ein paar Stunden im Atelier, dann zwei Stunden Labelarbeit, danach ein experimentelles Konzert, ein Theaterstück oder ähnliches, danach vielleicht noch ein Rockkonzert oder Kino, noch ein Drink mit guten Freunden in einer Bar um die Ecke und schliesslich mit einem guten Buch der Brust in einen mehr oder weniger erholsamen Schlaf abzutauchen.
Interview über Musik (2008)
(Dies ist die ungeschnittene Version eines Interviews mit dem Magazin Sacco & Vanzetti. Das Magazin ist eine wöchentliche Beilage zur ND Zeitung.)
Wer oder was bist du?
Ich bin Künstler, Musiker und Komponist – mal alles zusammen und manchmal auch einfach nur nichts von alle dem.
Was war deine erste gekaufte Platte?
Meine erste Platte war eine Kassette. Ich war 12 oder 13 und auf Klassenfahrt in Prag wo ich mir neben diverse anderen Sachen auch eine Public Enemy Kassette gekauft habe. Ungefähr zur gleichen Zeit kaufte ich auch eine Kassette von OMD – Pandora..s Box. Meine erste CD war CAN – Monster Movie und meine erste Schallplatte eine Single von LL Cool J – I need love.
Was läuft aktuell in deinem Player?
Im Moment höre ich Box: Studio 1 (runegrammofon), weil ich die Platte rezensiere. Ansonsten höre ich gerade sehr gerne Six Organs of Admittance, MoHa!, Ultralyd, Antoine Chessex, Nishimoto (David Sylvian) und Tetsuya Hori.
Klaus Schulze oder Aphex Twin?
Klaus Schulze natürlich.
Ist der Enstehungsprozess von Musik, das schreiben eines Songs, ist dieser Vorgang deiner Meinung nach vergleichbar mit Architektur? Wenn ja gibt es eine Linie nach der deine musikalischen Häuser gebaut werden?
Ich denke, dass viele Menschen glauben Architektur sei reines freies Entwerfen und Ideen entwickeln, also ein einziger kreativer Prozess. In Wirklichkeit ist ein funktionierendes Gebäude das Ergebnis vieler sehr professionell und präzise und selbstverständlich auch kreativ arbeitender Menschen. Es wird / muss unheimlich viel voraussehbar und transparent sein, weil Architektur im Idealfall doch noch immer dem Menschen dient.
Musik ist da viel freier und viel dehnbarer und muss keineswegs irgend jemandem dienen. Weniger geplant, suchender und im Idealfall ohne klar definierbare Ausrichtung oder Aufgabe. Musik ist Kunst und die entfaltet ihre Nutzbarkeit oft viel subtiler und für jeden Zuhörer ein wenig anders.
Ich folge in der Musik natürlich einem Plan, doch wenn die Strukturen zu klar, die Statik zu sicher und das Ergebnis zu vorhersehbar wird, habe ich kein Problem damit diesen Plan wieder zu verwerfen und von vorne zu beginnen, also das Haus abzureißen. Musik sind irgendwie wie Ruinen die niemals gebaut worden sind, also einfach da sind, genau so wie sie sind.
Was bringt die nahe musikalische Zukunft für Stephane Leonard?
Ich habe die letzten 3 Jahre an einem Vokabular und an einer Sprache gearbeitet. Das Ergebnis wird demnächst auf dem holländischen Label Heilskabaal veröffentlicht. In meinem aktuellen Soloset spiele ich auch schon Stücke von diese Platte. Neu sind dabei noch die Visuals, welche ich gemeinsam mit dem Berliner Videokünstler Dominik Busch entwickle. Parallel dazu schreibe ich ein neues Stück für das Laptop Orchester, arbeite an ein oder zwei Klanginstallation und veröffentliche weitere Platten mit meinem Projekt LEO MARS (eine Kollaboration mit dem fantastischen Marcel Türkowsky).
Ganz aktuell ist noch die Zusammenarbeit mit dem norwegischen Drummer Oystein Rasmussen – das Projekt heißt Rasmussen & Leonard und wir beginnen erstmal ganz behutsam.
Wenn du könntest welche drei Dinge würdest du auf der Welt verändern?
Krieg, Hunger, Armut und Umweltverschmutzung müssten sofort verschwinden. Im Vergleich zu vielen Anderen habe ich denke ich mehr als genug von allem… (Künstlerförderung in Deutschland wäre dennoch toll – man könnte das Geld aus der Rüstung und den Afghanistaneinsätzen den Künstlern geben und den ehemaligen Palast der Republik in das tollste Museum der Welt verwandeln… zu spät.)
und abschließend die Frage: Was wolltest du schon immer mal gefragt werden?
Keine Frage dieser Welt kann die hunderten unbeantwortbaren Fragen vom Finanzamt toppen – sorry.
Interview über das Zeichnen (2006)
(Dies ist ein Interview mit der Galerie Invalid anlässlich der Ausstellung ´New York Short Stories´ mit Zeichnungen aus New York im Mai 2006.)
INVALID
Stephane, Du bist ja eigentlich Maler, hast in den letzten Jahren aber hauptsächlich Musik gemacht, warum jetzt Zeichnungen?
STEPHANE LEONARD
Ich fühle mich in erster Linie als Zeichner. Zwar habe ich vor Jahren als Maler begonnen, mich dann jedoch während meiner Studienzeit hauptsächlich auf das Zeichnen konzentriert. Musik hingegen spielte schon immer eine große Rolle in meinem Leben und rückblickend scheint sie mir auch die einzige wirklich Konstante zu sein.
Zur Frage: Ich habe nie aufgehört zu zeichnen, lediglich irgendwann aufgehört meine Arbeiten einer Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Ganze entstand aus einer Unzufriedenheit und Unsicherheit heraus, war aber auch eine Art Schutzmechanismus, um diese sehr fragilen und persönlichen Ausdrucksmomente vor allzu zerstörerischer Kritik zu schützen. In der Musik und im Film ist das anders, da habe ich das Gefühl immer noch einen Schritt hinter das Medium zurücktreten zu können. Die Essenz einer Arbeit wird dort immer erst übersetzt und manifestiert sich schließlich eher symbolisch in Bild und Ton. Das spielt natürlich ganz anders mit der Rezeption, dem Verständnis und der Erwartungshaltung des Betrachters und lässt meines Erachtens mehr Spielraum in der Herstellung und größeren Interpretationsfreiraum in der Betrachtung. Das Zeichnen verstehe ich hingegen als die direkteste aller künstlerischen Ausdruckssprachen. Sie steht direkt mit dem Inneren des Künstlers in Verbindung und ist für mich gerade deshalb besonders schwierig auszustellen.
Ausserdem sind Zeichnungen Unikate, Musik und Film kann vervielfältigt werden. Nun scheint mir aber der Ort und die Zeit richtig, endlich einmal Zeichnungen auszustellen.
INVALID
Das klingt nach einem Reifungsprozess …
STEPHANE LEONARD
Ich denke so könnte man das auch sehen. Das Zeichnen ist ein klein wenig so wie das Schreiben – von nichts kommt auch nichts. Man muss erstmal erleben und im Allgemeinen Erfahrung sammeln, um etwas zu Papier zu bringen. Die Bilder wollen ja gefunden und dann geformt werden. Das braucht Zeit.
Damit will ich nicht sagen, dass ich mich jetzt als reif genug zum Zeichnen empfinde, vielmehr aber den Mut gefunden habe zu zeigen was sich so angesammelt hat.
INVALID
Die Zeichnungen sind während deines zweiten New York Aufenthaltes entstanden. Was trieb Dich ursprünglich, im Sommer 2005, nach NY?
STEPHANE LEONARD
Ganz am Anfang war da natürlich die reine Neugier. Amerika war mir zu diesem Zeitpunkt nicht unbekannt. Ich hatte schon mal vor einigen Jahren für eine Zeit in den USA gelebt, habe viele Städte und Staaten besucht, hatte es jedoch nie nach NY geschafft. Ich bin außerdem ein riesiger Fan amerikanischer Kunst und Musik und als solcher komme ich an NY einfach nicht vorbei…
Sommer 2005 war eine Zeit des Umbruchs und der Neuorganisation. Weil ich ein Großstadtkind bin, zieht es mich in solchen Momenten, statt in die Einöde und Abgeschiedenheit, eher in die Metropolen, um zu kontemplieren und über meine Zukunft zu meditieren.
NY ist Knotenpunkt für so viele wichtige und große Künstler des 20.Jh; zu sehen und eventuell zu verstehen was diese Stadt so anziehend macht, war mir wichtig. Dadaismus, Expressionismus, Beat, Performance, Action, Video, Abstrakter Expressionismus, Free Jazz, No Wave, Noise und Modern Folk… all das ist vielleicht nicht mehr tatsächlich seh- und hörbar, ist aber dennoch spürbar. Auch wenn die Häuser jetzt einen neuen Anstrich bekommen haben, so sind es immer noch dieselben Gebäude in den Rauschenberg und Twombly ihr Atelier hatten, Basquiat die Wände bemalt hat und DNA ihre erste Platte aufgenommen haben.
Ich war auf der Suche und habe gefunden was Bücher und Filme mir nicht geben können – ein Stück lebendige Geschichte eben.
INVALID
“The Big Apple”, “the city that never sleeps”, “9-11″ … NY ist immer auch ein Symbol. Welchen Einfluss haben die Stadt und Dein Leben dort auf deine Arbeit?
STEPHANE LEONARD
Ich habe in NY eine zweite Heimat gefunden. Die Energien dieser Stadt sind für mich als Künstler, wie der Honig für die Biene. Mein Leben war und ist selbstverständlich voll und ganz von der Stadt beeinflusst. Meine Arbeit hingegen ist zwar inspiriert von NY, jedoch eher von dem Fakt beeinflusst, dass ich ein Berliner…Ostberliner… in NY bin. Was passiert wenn mein Verständnisapparat auf dieses riesige Unbekannte NY trifft, ist was sich mal mehr und mal weniger vordergründig in meiner Arbeit widerspiegelt. Eine Mischung aus Rückzug und Öffnung. Die vorsichtige Aufnahme neuer Elemente, Formen und Angewohnheiten. Das Inhalieren neuer Schwingungen, Konstellationen und Prozesse…
Aber NY ist teuer. Überleben und gleichzeitig kreativ sein, ist hier eine große Herausforderung. NY bietet Ablenkung und Entertainment rund um die Uhr, dem zu widerstehen ist schon die reine Kunst. Ich erlebe täglich eine Mischung aus Freiheit und Unfreiheit, dass ist es, was neben den unendlichen visuellen Reizen, denke ich, hauptsächlich meine Arbeit beeinflusst.
New York als Symbol… nach einem halben Jahr in der Stadt, verliert sie ihren Ikonenstatus … mein Mund hat sich geschlossen, meine Laufgeschwindigkeit angepasst und der Hals wieder eingerenkt … ich liebe die Stadt genauso wie ich Berlin liebe, nur anders…
INVALID
Du sprichst von einer täglichen Mischung aus Freiheit und Unfreiheit… Bedeutet das auch Zeichnen als Meditation? Inwiefern taucht diese Mischung in deinen aktuellen Arbeiten auf?
STEPHANE LEONARD
Zeichnen ist Meditation. Für ein paar Momente blendet sich die Welt aus oder man ist ganz mit ihr verschmolzen – das ist schwer zu unterscheiden – in jedem Fall ist das Zeichnen ein Bruch, ein Einschnitt, eine Veränderung, eine Verwandlung!
Meine Arbeiten würde ich als eine Mischung aus ganz konkret Erlebtem, Imaginiertem, Visioniertem und ein wenig Glück und Zufall beschreiben – vergleichbar mit einem Traumzustand …Schwebendes, Zerrissenes, Geformtes, Verformtes usw. vermischt sich und will wieder geordnet werden – ein Pendeln zwischen verschiedenen Orten… Es geht um das Verarbeiten, Aufarbeiten und Abarbeiten meiner Eindrücke in der Meditation.
INVALID
Der Titel der Ausstellung, ’New York Short Stories’ impliziert ein erzählendes Moment. Gibt es das, und worin besteht das Element des Erzählens in Deinen Zeichnungen?
STEPHANE LEONARD
Eine Freundin sagte einmal zu mir, dass was sie an meinen Arbeiten am meisten interessiert und mag, ist die Verwandlung von etwas Einfachem und Ordinärem, beinahe Beiläufigem, in etwas Besonderes, etwas Erzählendes.
Die Dinge, die Welt, die Menschen noch einmal neu betrachten, sich die Zeit nehmen und versuchen in ihnen zu lesen. Zuhören und Zusehen was einem die Umgebung verrät, die neuen Bekannten sprechen lassen. Es geht wohl um Zeit und wie sie am Menschen und seiner Umgebung arbeitet. Das Gelesene oder Aufgenommene in eine Form bringen – mehrdimensional – sich mitteilen und ein Vokabular entwickeln… ist oft inspiriert von der Grundlegenden Struktur einer Geschichte – Anfang – Höhepunkt- Ende.
INVALID
Wie und wo sind die Zeichnungen entstanden? Unterwegs, zu Hause, gibt es irgendwelche besonderen Orte?
STEPHANE LEONARD
Ganz unterschiedlich. Zu Hause, in der U-Bahn, im Park, am Strand, im Bus… Oft beginne ich Zeichnungen an einem Ort und beende sie an einem Anderen.
Da können sogar Wochen dazwischen liegen. Manchmal sind es ganz kurze Notate und manchmal ging der Zeichnung ein längerer Versuchsprozess voraus. Zu meinen Lieblingsorten in New York zählen Coney Island, die überirdisch fahrenden U-Bahnen, McCarren Park in Williamsburg am Wochenende oder der Bus B43 von Greenpoint nach Downtown Brooklyn.
INVALID
Wie geht es weiter? Wohin orientierst du dich? Neue Projekte, Länder? Wird es bald so etwas wie die Madrider Short Stories geben?
STEPHANE LEONARD
Mir steht demnächst eine Ausstellung in Bremen bevor, an der ich lang- sam anfangen muss zu arbeiten. Naiv Super (Label und Künstlerkollektiv) braucht Aufmerksamkeit. Ein Musikalbum schiebe ich schon seit 2 Jahren vor mir her. Filme und Videos interessieren mich weiterhin sehr – ein Drehbuch wächst langsam in meinem Kopf. Und selbstverständlich viel Zeichnen. Das Gute an der Sesshaftigkeit ist, dass man möglicherweise über ein Atelier verfügt, was einem wiederum ganz andere Arbeitsmöglichkeiten bietet – große Zeichnungen, Malerei… wer weiß – eventuell versuche ich mal ein wenig länger an einem Ort zu bleiben. Sollte es nach Madrid gehen verspreche ich Euch die Madrider Short Stories…
Das Interview mit Stephane Leonard führten Hanna Zinecker und Lars Marstaller, Galerie Invalid
Berlin im April 2006.
Interview über Kunst (2005)
(Das ist die ungeschnittene Version eines Interviews mit Nella und Fabian von aufauf, einem Musik- und Modelabel.)
1–Was ist Deine Motivation etwas zu erschaffen?
Langeweile? Ausweglosigkeit? Zwanghaftigkeit? Angst? Druck (innerer)? Lust? Krankheit? keine Ahnung…
2–Inwieweit ist die Idee einer Produktionsstätte wichtig für Dich?
ich halte nicht mehr wirklich viel von der Institution Kunst- oder Designhochschule und noch viel weniger von Kreativbüros, Agenturen, Konferenzen oder Workshops… eine Produktionsstätte, bzw. eine anregende, interessante und entspannte Arbeitsatmosphäre muss sich schon jeder selbst schaffen und die braucht nicht erst groß betitelt werden und sollte auch nicht unbedingt von fremder Hand geführt werden… allerdings liegt mir der Beuyssche Gedanke vom Museum als Ort der Rezeption, Kontemplation, Produktion, Kommunikation und Lehre, als Ideenschmiede und Schule, als Treffpunkt der Generationen und Epochen schon sehr nahe, d.h. ich lehne sie nicht generell ab aber bin von der aktuellen Situation nicht überzeugt…
3–Wie wichtig ist eine Massenverbreitung für Dich, für Deine Arbeit?
ist mir und meiner Arbeit nicht wichtig… verwehre mich aber nicht dagegen
4–Begreifst Du Dich, Deine Arbeit als Teil des Massenkonsums?
nein!
5–Verhilft Reproduktion bzw. mehrfache Verbreitung zu einer gültigeren Existenz?
im Auge der Masse schon, für den Einzelnen sollte es keine Rolle spielen, wie sehr man verbreitet oder reproduziert wurde…
6–Gehört Dir eine Fabrik, im abstrakten Sinne? Was für eine ist es? Was stellt
sie her? Wie groß ist sie?
ich produziere nicht im industriellen, produktiven Sinne… mir gehört viel mehr ein kleines Atelier, ohne feste Arbeitszeiten oder nennenswerte Gewinne… wir erschaffen Geschichten und machen unsichtbares sichtbar und ungehörtes hörbar… sonst sind wir völlig anspruchslos…
7–In welchem Verhältnis stehen Verbraucher und Liebhaber?
Zu wenige Liebhaber, zu viele Verbraucher – was allerdings auch mit den Produzenten zu tun hat, da das Vertrauen in die Dinge, also an ihre Qualität, schon sehr gesunken ist und dadurch die Verbraucher nicht mehr zu Liebhabern aufsteigen wollen…
8–Worin besteht für Dich der Unterschied zwischen einem Sammler von Kunst und
einem von Industrieprodukten?
der Kunstsammler sollte die Einzigartigkeit und die persönliche Verknüpfung von Kunstwerk und Künstler sehen und schätzen… aber die Praxis sieht leider oft anders aus… der Kunstsammler ist auch ein größerer Egoist, denn er will nur das Eine… die Anderen scheinen zufrieden wenn sie eins von vielen haben…
9–Sammelst Du und warum? Hat das Einfluss auf Deine Arbeit?
unfreiwillig, weil ich wenig Zeit zum ausmisten habe, und ja ich denke schon, dass das Einfluss auf meine Arbeit hat, weil ich wohl ähnlich mit meinen Ideen umgehe – die liegen eine Weile rum, werden dann wieder aufgegriffen, weiterverarbeitet…. ach so, und ja ich sammle natürlich auch Kunst, also Bilder und Musik von Leuten die ich sehr schätze und indirekt beeinflusst mich auch ihre Arbeit, aber das würde sie auch tun wenn ich sie nicht sammeln würde…
10–Zu welchem Gegenstand hast Du eine emotionale Bindung?
Laptop (und Pass)
11–Wodurch entwickelst Du eine emotionale Bindung zu (industriell gefertigten)
Produkten?
nutzen, denke ich… durch die Benutzung werden die Dinge zu Verlängerungen meiner Gedanken, Synapsen oder Finger und somit ein Teil von mir, der mir bei meiner Selbstverwirklichung hilft, wodurch sie natürlich an enormer Bedeutung gewinnen… oder, in seltenen Fällen, sind bestimmte wichtige Erinnerung an sie geknüpft…
12–Siehst Du die Ideen Anderer als Material?
ja, denn alles kann Material sein, dem kann man sich überhaupt nicht entziehen und statt es zu versuchen, sollte man es akzeptieren und als Bereicherung betrachten…
13–Hast Du Angst vor Missbrauch Deiner Kunst, Produkte?
JA!
14–Lässt sich Idee reproduzieren?
nein, Ideen sind einzigartig, vielleicht ähnlich aber niemals gleich, alles Andere wäre abgucken…
15–Lässt sich Methode reproduzieren?
könnte man Können oder Konditionierung nennen, oder? fragt sich nur, ob das positiv oder negativ ist… ist auf jeden fall das, was jeder erfolgreiche Künstler tut, denn das verlangen die Leute von ihm und, um weiterhin Geld zu verdienen, sollte er / sie das auch tun… und manchmal erreicht man sein Ziel auch nur wenn man zuvor die Methode perfektioniert hat – mir scheint das jedoch ein wenig langweilig, ich konfrontiere mich gerne mit dem Neuen, dem Unbekannten, was mir am Ende vielleicht eher den Ruf eines Allrounders, statt eines Experten beschert… ein expertiser Allrounder, das gefällt mir… ich bin der Meinung, dass man die Dinge aus größeren Perspektiven und von mehreren Seiten betrachten muss und dabei bleibt nun mal kaum Zeit zur Reproduktion / Perfektionierung einer Methode, was nicht heißt, dass ich oberflächlich arbeite, ich nehme, dass statt der beste Musiker zu sein ich es bevorzuge ein etwas weniger guter Musiker zu sein aber dafür meine Musikvideos noch selber drehen kann – beides zusammen erst entspricht dann meiner Vorstellung von einer Arbeit.
16–Was ist wichtiger: Idee oder Methode?
Idee, es sei denn die Methode ist die Idee…
17–In wieweit entwickelst Du Deine Ideen in Abhängigkeit einer Machbarkeit und
einer bevorzugten Methode der Umsetzung? -> Utopie
die Ideen entwickeln sich völlig unabhängig von einer eventuellen Realisierbarkeit, allerdings entwickle ich einige Ideen gezielt für bestimmte Methoden oder Realisierbarkeiten… die nicht realisierbaren Ideen werden gespeichert und warten, warten, warten…
18–Kann Deine Arbeit, bzw. Dein Produkt losgelöst vom Herstellungsprozess
betrachtet werden?
muss sogar, der Herstellungsprozess hat nichts mit der eigentlichen Intention der Arbeit zu tun, sondern ist Mittel zum Zweck. Es wäre sehr schade wenn am Ende der Herstellungsprozess die Arbeit überschattet oder sie darauf reduziert wird.
19–Welche Arbeitsmittel beschreiben Deine Arbeit?
Gedanken, Ideen, Gefühle, Wissen, Unwissen, Neugier, Naivität
20–Kann Dein Werk auch Werkzeug sein?
ja, ich habe mir ein Computermusikprogramm geschrieben, welches ich als mein Werk ansehe und welches mir nun zu weiteren Werken als Werkzeug verhilft.
21–Welche Rolle spielt die Mutter für die technische Reproduktion?
die Frage verstehe ich nicht: biologische Mutter – technische Reproduktion? Schraubenmutter? die Mutter als Schöpferin, des Apparats der technisch reproduziert…?
22–Welcher Teil Deiner Arbeit wäre unvorstellbar ohne technische Reproduktion?
meine Arbeit kann komplett ohne Reproduktion leben, sie ist in mir, ist ein Teil von mir, ist ich… aber Kunst, also Dinge die unter diesen Begriff fallen, scheinen mir oft nur zu existieren, wenn sie rezipiert werden, obwohl es keine Rolle spielt, ob einmal oder unendlicher mal gesehen, gehört… zu werden, hauptsache es gibt diese Möglichkeit, sonst ist es wohl nicht richtig Kunst… ich versuche allerdings meine Arbeit losgelöst von einem festen Kunstbegriff zu betrachten, um sie unter anderem vor genau solchen Vorgaben zu schützen oder mich davor zu bewahren in die Versuchung zu geraten irgendwann die Verbreitung für wichtiger als die Arbeit an sich zu befinden.
23–Benutzt Du die Technik der Reproduktion zur Steigerung Deines Ausdrucks?
nur wenn Masse, als Teil einer Arbeit funktioniert… ein und das selbe Bild 100 mal gezeichnet, macht das Bild an sich noch lange nicht besser oder überhaupt erst zu einem Bild, aber ein und das selbe Bild 1000 mal nebeneinander gehangen, kann, wenn so intentioniert, überhaupt erst ein Werk sein, wie eine Installation oder ein Konzept zum Beispiel, dann steht die Reproduktion im Dienste einer Idee und nicht anders herum.
24–Wie wichtig sind Fehler?
zum lernen sehr wichtig… die Kunst ist es nicht, um jeden Preis Fehler zu vermeiden oder zu vertuschen, die Kunst ist es Fehler zu zulassen, zu ihnen zu stehen und das Potential aus ihnen herauszuarbeiten… jedoch sollten Fehler nicht die Grundlage der Arbeit bilden, aber was ist schon ein wirklicher Fehler? nur ein unerkannter Fehler ist doch wirklich einer… alle erkannten werden automatisch Teil des Bewussten! sich technische Fehler nutzbar zu machen, bedeutet doch auch nur ein Instrument in unbekannten Räumen zu spielen… man weiß schon was passieren wird, aber nicht 100 prozentig… Fehler integrieren, verwandeln, nutzbar machen, weil eh nicht zu vermeiden.
25–Begreifst Du die Vielfalt von Arbeitsmitteln als Chance oder als Gefahr für
die Schöpfungskraft?
als Chance! es ist Teil des künstlerischen Prozess, aus der Vielfalt auswählen zu lernen… aus Vielfalt schafft man Einschränkung, immanente Einschränkung bedeutet Lähmung.
26–Wie stehst Du Presets gegenüber?
ich benutze sie selber nie wissentlich oder offensichtlich, weiß aber wohl, dass alles was wir tun im Grunde nur die Weiterbearbeitung von, durch und mit Presets ist. Die menschlichen Sinne werden gefüttert mit vorgefertigten Dingen, modulieren diese und übergeben der Welt ein neues Preset… nur ein ganz winziger Teil, oft sind es die Verbindungen, Verknüpfungen und Herleitungen, kommen tatsächlich aus einem unbekannten Raum – den zu berühren, ist ein großer Teil meiner Arbeit, aber wie gesagt unter Einfluss von Presets.
27–Wie macht man einen No.1 Hit?
das interessiert mich nicht… aber theoretisch: den Massengeschmack treffen, d.h. das dümmste und dämlichste dieser Welt in einen Topf packen, gut umrühren, extrem aufgehen lassen und dann über den Massen herabregnen lassen… adieu
(25.05.2005)